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Rückkehr in die Normalität

05.12.2019

Heino Schwarz erlitt auf dem Heimweg von der Arbeit mit seinem Fahrrad einen lebensgefährlichen Unfall, als er von einem fahrerflüchtigen Autofahrer angefahren wurde. In einem jahrelangen Rehabilitationsprozess, unter anderem an der BDH-Klinik Braunfels, gelang ihm eine hundertprozentige Wiederherstellung seiner geistigen und seelischen Kräfte. In einem realistischen und authentischen Bericht schildert er die wesentlichen Schritte zur Genesung.

Rückkehr in die Normalität

Wir veröffentlichen den folgenden Bericht mit der freundlichen Genehmigung des Autors.

Bevor ich den schwerwiegenden Einschnitt in mein seitheriges Dasein und mein neues Leben schildere – der Zwischenfall liegt inzwischen viele Jahre zurück – möchte ich darauf hinweisen, dass dies alles meine subjektiven Wahrnehmungen waren und sind, die sich aber durch die nachfolgenden Ergebnisse objektiviert haben. Meine Wahrnehmungen haben mir geholfen, mit meinen schwerwiegenden Problemen umzugehen und fertig zu werden, so dass ich von den Folgen meiner schweren Geschichte heute nichts mehr verspüre. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass ich sie vergessen oder auch nur verdrängt habe.

Der Hintergrund meines Erfahrungsberichts ist rasch erzählt: Während meiner beruflichen Tätigkeit – ich war nach einer Serie von Umschulmaßnahmen zuletzt Textverarbeiter in der Frankfurter Rundschau – musste ich täglich mit der S-Bahn nach Frankfurt fahren. Von Mz.-Hechtsheim zum damaligen Mainzer Südbahnhof fuhr ich Sommer wie Winter mit dem Fahrrad. Unterschiedliche Arbeitszeiten bedingt durch die vielfältige Texterstellung bei der Erscheinung einer Tageszeitung verlangte von allen Arbeitnehmern sehr häufige Sonn- und Feiertags- und vor allem Spätschicht-Arbeitszeiten.

Am 18. November 1980, die Spätschicht war beendet, fuhr ich von der Frankfurter Hauptwache mit der Bahn zum Mainzer Südbahnhof, schloss mein Fahrrad auf und fuhr zu meinem Eigenheim in Hechtsheim. Leichter Nieselregen irritierte mich nicht; er war nichts Ungewöhnliches. In zwanzig Minuten bist du zu Hause, dachte ich. In meiner Hosentasche fühlte ich die Papstmedaille, die ich unmittelbar zuvor von Johannes Paul II. in Finthen bekommen hatte. Wie ich zu dieser Ehre kam, spielt hier nur eine nebensächliche Rolle. Vielleicht haben bestimmte einflussreiche Leute in der KAB oder in der Diözese mich als katholischen DGBler, der sich wiederholt für seine Kollegen und Arbeitnehmer im DGB eingesetzt hat, vorgeschlagen – ich weiß es nicht.

So erreichte ich in der normalen Zeit gegen 0.15 Uhr die Rheinhessenstraße. Ungefähr 300 Meter vor der heutigen REWE-Filiale, nicht weit von meinem Einfamilienhaus, passierte es. Ein offensichtlich betrunkener Autofahrer fuhr mich mit erheblicher Geschwindigkeit an und ließ mich schwer verletzt auf der Rheinhessenstraße liegen. Ein nachfolgender Auslieferungsfahrer der Allgemeinen Zeitung fand mich und alarmierte Polizei und Rotes Kreuz. Die Ärztliche Diagnose: Es bestand Lebensgefahr. Schwere Gliederverletzungen, wie mehrfache Knochenbrüche waren die Folge. Besonders schlimm waren die Kopfverletzungen: doppelter Schädelbasisbruch, Felsenbeinbruch, Kieferbruch und schwerste Hirnquetschungen.

Ich selbst bekam davon zunächst gar nichts mit. Wie es weiter ging?

In der Mainzer Uniklinik wurden zunächst die motorischen Schäden repariert oder geheilt. Unmittelbar danach kam ich nach einigen Querelen bzw. Zuständigkeitsbedürfnissen durch großartigen Einfluss verschiedener Personen, die die zuständige Berufsgenossenschaft überzeugen konnten, in die Neurologische Klinik Braunfels.

Inzwischen hatte ich die Schwere meines Zustandes begriffen. Die zentrale Frage jedes Menschen, ob Christ oder religiös passiv ist immer gleich: Warum ausgerechnet ich? Als praktizierender Katholik fragte ich in meiner seelischen Qual und Unsicherheit: Warum hast du, o Gott, mir das angetan – warum, was habe ich dir getan? Die urplötzliche Katastrophe, die mich und damit meine Familie völlig unvorbereitet traf und uns vor Probleme stellte, die unlösbar erschienen, ließ mich in meiner Hilflosigkeit mit Gott und mit meinem Schicksal hadern. Ich suchte nach Gründen, um eine Ursache für mein deprimierendes Los oder eine Erklärung zu finden.

In dieser Zeit erfuhr ich ein neues Gottesverständnis, das ich so nicht kannte. Im Laufe der Jahre waren tiefgehende Einstellungen zu Gott und zur Kirche von den alltäglichen Vorkommnissen verdrängt worden und auf der Strecke geblieben. Nach meinem schlimmen Unglück fragte ich immer wieder nach, pausenlos. Im Laufe der wochenlangen psychischen und gedanklichen Auseinandersetzung mit meinem Zustand wurde ich zunächst mit wenig fruchtbaren Gedanken konfrontiert, die meinen seelischen Zustand eher verschlimmerten, statt abzumildern, zumal die Defizite in meiner Hirnleistung ständig präsent waren. Das Kurzzeitgedächtnis, die Spontaneität, die Reaktionsfähigkeit und die akute Verlangsamung waren ständig verspürbar. Dazu kamen immer wieder auftretende Wortfindungs- und Sprachstörungen.

Das Positive denken!

Das pausenlose Forschen und Suchen führte zunächst in die Irre. Irgendwann, etwa nach vier bis sechs Wochen des verzweifelten Überlegens und der Selbstgespräche, wie sich die Zukunft gestalten wird und der etwas sehr einfachen, infantilen Schuldzuweisung bat ich Gott: ,Wenn du es schon zugelassen hast, dass ich in diese Situation geraten bin, dann hilf mir wenigstens, mit den Problemen fertig zu werden oder sie zu bewältigen!’ bekam ich endlich ein Signal. Eine innere Stimme rief mich dazu auf, offen zu sein für das Positive! Das Negative müsse ich vermeiden! ,Öffne dich! Denke an das Wesentliche, an Deine Wiederherstellung, an deine Rehabilitation, denke vor allem an deine Familie! Verschwende keine Kraft, keinen Gedanken, weder geistig noch emotional an den Unfallverursacher – beschäftige dich nicht mit der Wiedergutmachung. Dies lenkt dich nur ab; die verbleibende geistige Kraft brauchst du für die wesentlichen Dinge. Dein Gehirn darf nicht durch unnütze gefühlsmäßige Gedanken blockiert werden. Wer der Unfallverursacher auch ist, muss das mit seinem Gewissen ausmachen oder zu vereinbaren suchen. Das ist nicht dein Problem! Du hast nur eine Aufgabe: Deine Wiederherstellung!’

Ich wusste, dies war das Signal, das war die Hilfe, die ich brauchte! Und die Hilfe kam aus meinem Inneren – also von Gott! Und den Rat hielt ich konsequent ein, obwohl ich von Bekannten und Freunden häufig gefragt wurde, ob es mir nichts ausmache, dass der Übeltäter noch frei herumlaufe!

Während der aktiven Rehabilitation in der Neurologischen Klinik Braunfels ließ ich den auf diese Weise zustande gekommenen Kontakt mit meinem Inneren, also mit Gott, nicht mehr abreißen. Pausenlos führte ich innerliche Gespräche, wo auch immer ich gerade war – auf einer Parkbank, allein in der letzten Sitzreihe in der nahe gelegenen Kirche oder abends beim Schlafengehen – fragte ihn ständig um Rat und bekam von nun an immer Antworten, die mich veranlassten, mein Schicksal anders und pragmatisch zu betrachten. Die oberste Maxime war für mich zwingend: Der Unfallverursacher und seine Verantwortungslosigkeit, seine mangelnde Fürsorgepflicht interessierten mich nicht! Obwohl es schwerwiegende Rückschläge im physischen und psychischen Bereich gab, half mir das pausenlose „Gespräch“ mit Gott und seine „Ratschläge“.

Fahrradfahren und Tischtennis

Es gab mit der Hilfe von oben auch handfeste Erfolgserlebnisse. So ist es für jeden normalen Sterblichen normal, dass ich vor dem Horrorfahrzeug Fahrrad Angst hatte. Eines Tages, während meines „Heimurlaubs“, holte ich mein Ersatzfahrrad aus dem Gartenhäuschen, stellte es an die Mauer meines Hauses und betrachtete es zunächst ängstlich. Dann gab ich mir einen Ruck und sagte mir, gemäß dem Rat von „oben“: Du musst deine Angst überwinden! Dazu gehört auch, dass du wieder mit dem Fahrrad fährst! Mit großer Überwindung und unsicher fuhr ich meine Straße entlang – einmal, zweimal. Am nächsten Tag noch ein paar Mal und dann eine weitere Straße. Die Leute im Ort schüttelten verständnislos den Kopf, als sie mich auf dem alten Fahrrad sahen.

In einer Eingebung bat ich meine Frau, die mich wöchentlich in Braunfels besuchte, meinen Tischtennisschläger von zu Hause mitzubringen, weil ich im Rehabilitationszentrum in Braunfels in den Freizeiträumen eine Tischtennisplatte und auch passable Gegner entdeckte, mit denen ich dann wie früher als Leistungssportler richtiggehend zu trainieren hoffte Diesem Sport aus der Vergangenheit, den ich von nun täglich ausübte und einer kurzfristigen Mitgliedschaft in einer örtlichen Tischtennisabteilung, in der ich dienstags und freitags Tischtennis spielte wie früher, habe ich viel zu verdanken. Mit Fug und Recht behaupte ich heute, dass ich meine im Argen liegenden Reflexe, meine akute Verlangsamung und meine Beweglichkeit durch dieses Training während meiner Rehabilitationszeit entscheidend verbessern konnte. Und immer wurde ich im Vorfeld dieser Aktivitäten mit einer Eingebung konfrontiert.

Es besteht wohl kein Zweifel, dass eine Verletzung des Gehirns die schwerwiegendste Schädigung des menschlichen Organismus darstellt, und zwar unabhängig, ob ein körpereigener Vorfall die Ursache ist oder ein Unglück für das einschneidende Ereignis Schuld hat. Lange Jahre nach diesem schweren, lebensverändernden Wegeunfall, der mich und meine Familie aufs Schwerste erschütterte, bin ich heute in der Lage, Erfahrungen wiederzugeben, kann trotz erheblicher Hirnverletzungen und schwerer psychischer und geistiger Folgen, die heute nicht mehr spürbar sind, eine sehr erfolgreiche Rehabilitation reflektieren, selbst wenn es sich um Verletzungen handelte, die in vielen Fällen normalerweise nicht mehr zu regulieren oder zu heilen sind. Ein solcher Bericht kann vielleicht für andere in ähnlicher Situation hilfreich sein.

Der nicht leichte, jedoch außerordentlich erfolgreiche Aufenthalt, der ein halbes Jahr dauerte und durch häufige seelische Erschütterungen begleitet wurde, war abgeschlossen, in meinem Inneren war ich einigermaßen stabilisiert, als ich einen erneuten Schock erlebte: Starke Kopfschmerzen veranlassten den verantwortlichen Chefarzt in Braunfels, eine erneute Computer-Tomographie erstellen zu lassen. Das Ergebnis: Ich hatte ein subdurales Hämatom im Kopf, das recht bald in Mainz entfernt wurde.

Danach wurde ich erneut von schweren Depressionen und einer bösartigen Trigeminus-Neuralgie heimgesucht, die mich aufs Übelste peinigte. Eine erneute Zeit der Regenerierung in der Neurologischen Klinik Braunfels versuchte hier Hilfe zu bringen.

Hilfe aus dem Glauben

Die wirkliche Hilfe kam aus meinem Glauben! Als überzeugter Katholik hatte ich den Strohhalm, den andere in großer Not vergebens suchen! Um es etwas einfach darzustellen: Zum großen Teil habe ich mir auch selbst geholfen! Einmal durch die Hilfe, die von oben kam und durch mein intaktes Umfeld zuteil wurde, das mich teilweise auch deutlich aufforderte, nicht zu verzweifeln und an mir selbst zu arbeiten, zum anderen auch durch eine Form der Meditation, die nur sehr schwer zu erklären ist und die Nichtgläubige überhaupt nicht verstehen würden. Ein dritter Baustein meiner Wiederherstellung war die berufliche Integration, die mein Arbeitgeber ermöglichte. Auch die KAB, hier Manfred Siegel und Lothar Helm, die mich sogar in Braunfels besuchten, war an meiner Wiederherstellung beteiligt. Aber auch der seelische Beistand der Pfarrgemeine darf nicht unerwähnt bleiben. So hat, wie man mir erzählte, der damalige Pfarrer Josef Manefeld während eines Gottesdienstes die Gemeindeglieder aufgefordert, für meine Wiederherstellung zu beten.

Anschließend habe ich mit der Hilfe meines Co-Autors, Herrn Pater Dr. Friedhelm Hengsbach SJ, mein erstes Buch zu Ende geschrieben, das vor dem einschneidenden Ereignis begonnen wurde. Inzwischen sind aus dem ersten insgesamt fünfzehn geworden. Diese nicht alltägliche Freizeitbeschäftigung war zum großen Teil mitverantwortlich für meine geistige und seelische Wiederauferstehung. Die umfassende Zuwendung meiner Frau und meines beruflichen und sozialen Umfeldes halfen mir entscheidend – sie waren meine Rettung.

Heute, vierunddreißig Jahre später, sind keine negativen Folgen mehr verspürbar. Und ich bin dankbar für mein zweites neues Leben! Und ich bin Gott bis zum heutigen Tag dankbar

Allerdings habe ich den lebensverändernden und schwerwiegenden Zwischenfall keineswegs vergessen – auch nicht den verantwortungslosen Autofahrer, der mich über zehn Jahre meines Lebens gekostet hat. Nicht vergessen bedeutet allerdings nicht, dass ich mich mit ihm in besonderer Weise beschäftige. Dies hätte mich in meiner schwärzesten Zeit der Rehabilitation zurückgeworfen und meine seelische und geistige Wiederherstellung nur behindert. Erst recht ist der Mensch mir heute gleichgültig, nicht existent. Nur die Tat ist es, die bleibt! Und ich weiß heute noch besser, als vor zehn oder zwanzig Jahren: Entscheidend für die nicht beweiskräftige Ermittlung gegen den fahrerflüchtigen Unfallverursacher waren aus meiner Sicht die oberflächlichen Gutachten. Sie allein verhinderten weitergehende Recherchen bzw. Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft.

HEINO SCHWARZ

Wertneutrale, zusätzliche Meinungsäußerung des Autors

Ausdrücklich muss festgestellt werden, dass schwerwiegende Wegeunfälle mit Fahrerflucht keinesfalls etwas Ungewöhnliches bedeuten. Pauschal gesehen, passieren solche schlimmen Erlebnisse tagtäglich. Sie enden oft tragisch für den Verletzten und seine Angehörigen.

Häufig wird der endlich Genesene gefragt, wie er es geschafft habe, ohne jede Folgen davon zu kommen. Und ob man irgendwelche negativen Gefühle gegenüber dem Autofahrer entwickelt habe, der den Verletzten in seinem Zustand auf der Straße liegen ließ und sich davon stahl. Sicher ist eine hundertprozentige Rehabilitation nach einer Hirnverletzung nicht alltäglich, und für manche Rehabilitationseinrichtungen wird man dann als bedeutender Vorzeigepatient für eine geglückte Wiederherstellung betrachtet. Keinesfalls wird damit aber wiedergegeben, welche Anstrengungen und welcher Einsatz notwendig war oder ist, um dies zu bewirken. Zweifellos ist es ein schwieriger und langwieriger Prozess, an dem das gesamte Umfeld beteiligt und das nahtlose Zusammenwirken aller Beteiligten als Grundvoraussetzung betont werden muss.

Die entscheidenden medizinischen Akzente und der Ist-Zustand müssen sehr frühzeitig von qualifizierten Ärzten unternommen und erkannt werden, zumal der Verletzte in der Regel über kürzere oder längere Zeit überhaupt nicht anzusprechen ist oder nicht wahrnehmen kann, was mit ihm geschieht. Ärzte, im besonderen Neurologen, wissen selbstverständlich, was bei einer schwerwiegenden Hirnverletzung zu tun ist. Grundsätzlich sind die ersten Stunden nach einem solchen schwerwiegenden Vorfall entscheidend – dies kann man heute auch überall erfahren bzw. von Zeit zu Zeit widmen sich sogar die Medien dem Thema. Es geschieht allerdings so gut wie nie, dass sich ein Betroffener dazu äußert.

Es ist davon auszugehen, dass Arbeitsunfälle – und ein Wegeunfall gehört zu dieser Kategorie – die zuständige Berufsgenossenschaft auf den Plan ruft. Bei dem derzeitigen Kostendruck gegenüber Krankenkassen, Krankenhäusern und Ärzten bedeutet der Kostenträger BG ein absoluter Glücksfall. Und wenn der verantwortliche Betreuer noch besonders engagiert und ansprechbar ist, dann ist man in einer sehr vorteilhaften Situation.

Sinnvoll, ja sogar notwendig ist es, bereits vor der eigentlichen Rehabilitation mit Hilfe von neurologischen Fachkräften zu ergründen, welche Reha-Klinik in Frage kommt. Dies kann von entscheidender Bedeutung sein. So ist es eigentlich selbstverständlich, dass nach der motorischen Wiederherstellung der Geschädigte sofort in eine neurologische Klinik kommt, die nicht nur über eine krankengymnastische Abteilung verfügt, in der Restbestände der körperlichen Behinderung behandelt und durch ständiges Training geheilt, also nicht mehr sichtbar sind, sondern es sollte eine Ergo-Abteilung vorhanden sein. In dieser werden Defizite der Feinmotorik behandelt. Ein Psychologe kümmert sich ferner um das Seelenleben des Rehabilitanden, was unter Umständen sehr schwierig und für die gelungene Gesamtrehabilitation entscheidend sein kann. Hier wird der Patient mit entsprechender Motivation versorgt, um mit seiner nicht leichten Situation umzugehen. Je nach Art und Schwere der Hirnverletzung und ob eine Rehabilitation überhaupt Aussicht auf Erfolg verspricht, wird in modernen und hochqualifizierten neurologischen Kliniken außerdem mit einem sogenannten CL-Training (cerebrales Leistungstraining) versucht, das verlorengegangene Hirnzellvolumen durch Aktivieren der unproduktiven Nachbarzellen wieder aufzufüllen. Mit ständig steigernden Gedächtnisübungen, mit versuchsweisem Speichern von mehreren Informationen kurz hintereinander oder man versucht den Rehabilitanden im fortgeschrittenen Stadium seines Hirnleistungsvermögens mit keineswegs anspruchslosen Rechen- und Denkaufgaben zu konfrontieren, kann auch das erheblich verletzte Gehirn systematisch wieder zum ganz normal Funktionieren gebracht werden.

Trotz Höhen und Tiefen im seelischen Bereich ist es für den Rehabilitanden unverzichtbar, zu wissen, dass er zu seiner Wiederherstellung selbst beitragen muss. Wichtig ist dabei selbstverständlich auch, dass er mit seinem Schicksal offensiv und wenn das möglich ist, relativ gelassen umgeht und auch nach mehreren Jahren trotz teilweiser Rückschläge positiv in die Zukunft schaut.

Pauschal gesehen sollte man nicht in einer Erwartungshaltung verharren, sondern mit eigenen Aktivitäten an der Bewältigung der Probleme mitarbeiten, unabhängig vom Unverständnis der Nachbarschaft oder weiteren Bekannten, die den Kopf schütteln oder ihren Augen nicht trauen wollen, weil sie beispielsweise den Verunglückten auf einem Fahrrad erkennen. Aber dies ist psychologisch ungeheuer wichtig, ähnlich wie bei anderen Menschen, die jede persönliche Auseinandersetzung oder Schwierigkeit suchen, weil nur die Überwindung bestimmter Barrieren erfolgversprechend ist und weiterhilft. Für die Umwelt ist es sowieso ein unverständlicher Vorgang, dass ein unmittelbar Betroffener, ein Hirnverletzter nach endgültig überstandener Rehabilitation sich äußert, in die Offensive geht und das Abstellgleis verlässt, auf die ihn ein schlimmes Ereignis geschoben hat. Pauschal gesehen oder verständlicher aus der Sicht der breiten Masse, jedoch auch der sogenannten Fachleute ist die Zurückhaltung des Hirngeschädigten, von dem man eigentlich erwartet, dass er sich passiv verhält, weil er befürchten muss, durch Äußerungen bzw. Handlungsweisen aufzufallen.

Mediziner, Therapeuten und auch Betroffene wissen selbstverständlich, dass zur Bewältigung der Folgen einer derartigen schwerwiegenden Verletzung Aktivitäten des Behinderten gehören und dass es ungemein wichtig ist, geistig und körperlich rege zu sein. Wie dies jedoch im Einzelnen geschehen soll und welche psychischen Voraussetzungen dazu dringend notwendig sind, dafür gibt es bestenfalls Theorien, jedoch keine Erfahrungswerte.

Während der Rehabilitation und auch in der nachrehabilitativen Zeit ist es ungemein wichtig, sich selbstkritisch zu beobachten, die tatsächlichen Gesundungsprozesse zu erkennen und sich daran aufzubauen, die fehlenden Reflexe, die ausgeprägte Verlangsamung und die Defizite im Kurzzeitgedächtnis jedoch nicht auszublenden.

Festzuhalten ist, dass der katastrophale psychische Zustand nach einer schweren Hirnverletzung wohl die gravierendste und kaum zu regulierende Folgewirkung ist. Darunter hat jeder Hirnverletzte jahrelang zu leiden. Nur mit großer Anstrengung, indem man sich ständig aufs Positive orientiert und mit Selbstdisziplin die wenigen Erfolgserlebnisse wahrnimmt, ist es möglich, mit seinem chaotischen Inneren einigermaßen zu recht zu kommen. Hierbei ist die Hilfe von engagierten Neurologen und Therapeuten in den Rehabilitationskliniken, jedoch auch die Zuwendungsbereitschaft der eigenen Angehörigen unverzichtbar. Letztlich ist jedoch die eigene Aktivität entscheidend – sofern dies die ursprüngliche Wesensart und Mentalität zulässt – um mit den psychischen und seelischen Kümmernissen, den Depressionen fertig zu werden.

Wirklich Erstaunliches kann im CL-Training erreicht werden. Hier ist der Betroffene bis an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gefordert; das Training wird notgedrungen mit jedem Fortschritt gesteigert, bis der Rehabilitand fast seinen ursprünglichen Leistungsstand wieder erreicht hat.

In der Regel sind die neurologischen Kliniken heute in der Lage, motorische und u. U. auch geistige Schäden notdürftig zu „reparieren“, Unebenheiten zu glätten – in seltenen Fällen gelingt auch eine dauerhafte Wiederherstellung des Inneren, der Psyche. Dies hängt allerdings von der geschädigten Hirnregion ab und von der individuellen Charakterstruktur bzw. Willenskraft des Patienten. Das Patientenpotential, die Schwere der Hirnverletzungen, ist in den verschiedenen Rehazentren in etwa gleich; die Betroffenen dürften auf ähnliche Art und Weise zu motivieren sein. Letztlich ist der Patient der Empfänger der medizinischen und therapeutischen Zuwendungen oder Maßnahmen. Es hängt jedoch nicht nur von dem betreuenden Fachpersonal ab, ob gute und mitmenschliche Signale zustande kommen und dann auch empfangen werden können. Der Patient oder Rehabilitand muss durch seine innere Bereitschaft immer wieder erneut zu erkennen geben, dass die Therapien und psychologischen Hilfestellungen angenommen werden, also auf fruchtbaren Boden fallen. Nur dann kann die Rehabilitation gelingen.

Die körperlichen Behinderungen, mit denen Hirnverletzte zusätzlich behaftet sind und die sie außerdem noch beeinträchtigen, haben ebenfalls ihren Ursprung im geschädigten Gehirn, dort sind ggf. wichtige Steuerungs-zentren ausgefallen. Angefangen von schwerwiegenden motorischen Störungen beim Gehen, Angstgefühlen bei verschiedenen anderen Bewegungsabläufen, können alle „Spielarten“ der Folgen einer Hirnverletzung durchlitten werden – u. a. auch der zeitweise oder dauerhafte Verlust der Sprache.

Schon in der Frühphase seiner persönlichen Katastrophe wird der Rehabilitand begreifen müssen, dass nur mit einem unbelasteten Inneren, nur mit einer einigermaßen intakten Psyche die körperlichen und geistigen Schwierigkeiten zu meistern sind. Deshalb sollte er ständig versuchen, positiv zu denken und sich an einfachsten Erfolgserlebnissen aufzubauen. Jeder Behinderte braucht seine individuellen Hilfestellungen und Zuwendungen. Die Psyche der Leidensgenossen kann man keiner Regel oder Norm unterwerfen. Dennoch müssen die wesentlichen Kriterien einer Rehabilitation – im besonderen die Reparatur der Seele und der Psyche – dargelegt werden, zumal man sehr rasch erkennt, dass man mit seinen Nöten und Kümmernissen nicht allein ist. Die psychischen Schwierigkeiten scheinen bei allen Behinderten ähnlich zu sein.

Vier seelische Verarbeitungsmechanismen sind zu erwähnen, deren Bewältigung ganz wesentlich zum positiven Rehabilitationsausgang beitragen:

a) Selbstmitleid
Unabhängig des Grades der Verletzung und ob die Motorik schwerwiegend gestört ist oder nicht, flüchten alle Behinderten zunächst in ein Gefühl der Wehleidigkeit, des verzweifelten Suchens nach Resten des Selbstwertgefühls. Das deprimierende Erfahren von Ausfällen im Hirnbereich, in körperlichen Bewegungsabläufen oder gar schwerwiegenden Störungen in der Wesensart oder im Gefühlsleben, in der Seele wird zur unüberwindbaren Barriere im Kampf der Erneuerung, der Wiederherstellung.Die Folgen: Minderwertigkeitsgefühle, mangelndes Selbstvertrauen und die geistig-seelisch-emotionale Abhängigkeit von der Umwelt.

b) Schuldzuweisung
Je nach Schwere der Hirnverletzung bzw. der körperlichen Beeinträchtigung beginnt der Betroffene mit der Ursachenforschung, wobei es zunächst nicht entscheidend ist, ob es sich um körpereigene Vorgänge oder externe Tatbestände handelt. Gerade dieses Suchen nach Schuld bzw. Sühne, das völlig irrationale Beschäftigen mit Sachverhalten, die man in keiner Weise positiv verändern kann – das Unglück, der Schicksalsschlag wird nicht beeinflusst, das „Rad der schlimmen Ereignisse wird nicht zurückgedreht“ – ist zusammen mit dem Selbstmitleid eine besonders schwierige Phase. Der Rest des noch verbleibenden „Ich“ dreht sich nur noch um diese beiden Kriterien des Seelenlebens. Mit dieser gefühlsmäßigen oder psychischen Blockade kann es zunächst nicht zu einem gezielten und konstruktiven Neuanfang, zu einem Erkennen der noch verbliebenen Möglichkeiten kommen. Hier hilft nur positives Denken, engagiertes Mitarbeiten in den Therapien und die emotionale Nähe der Partnerin oder des Partners.

c) Hadern mit seinem Schicksal oder mit Gott
Zahllosen Menschen oder Christen, für die Naturkatastrophen, Schicksalsschläge und andere unangenehme Geschehnisse nur schwer verständlich erscheinen, beginnen mit Gott zu hadern. Dies ist absolut sinnlos. Besser ist es, sich zu öffnen und gedanklich nach Möglichkeiten zu suchen, was man möglicherweise besser machen könnte. Sollte dies möglich sein – und es ist möglich – wird man irgendwann ein Signal oder eine Eingebung bekommen, dass man beispielsweise sich nicht um den Unfallverursacher kümmern soll, weil dies in eine Einbahnstraße mündet, aus der es kein Entrinnen gibt. Einzig und allein ist die Gesundung vorrangig, diesem Ziel ist alles unterzuordnen.

Wenn man dies in einer Art Selbstüberwindung geschafft hat, braucht man vor nichts mehr Angst zu haben. Das Innere wird schließlich und endgültig die Antwort geben, die für die ganzheitliche Wiederherstellung so entscheidend ist: Das Gemüt, die Psyche, die Sinne werden weit geöffnet – man wird plötzlich seinen schlimmen Zustand in einem anderen Licht sehen! Eine neue Aufgabe könnte einem bewusst werden; die in der Rehabilitationsklinik zu absolvierenden Therapien und der Erfolgszwang betrachtet man als Herausforderung. Zusammen mit den Therapeutinnen und den betreuenden Neurologen an der geistigen und körperlichen Wiederherstellung zu arbeiten ist eine außerordentlich nützliche und erfolgversprechende Aufgabe. Unter Umständen können völlig neue Aktivitäten hinzukommen*); die Reflexe im körperlichen und geistigen Bereich, die akute Verlangsamung werden ständig bekämpft. Aufgrund der ständig wachsenden psychischen Widerstandskraft hat der seelische Ballast bald keine Macht mehr und kann nicht mehr erdrücken.

d) Ständiger Kampf um einen eigenen Zustand
Langsam geht es vorwärts. Kleine Erfolgserlebnisse können stimulieren – trotz schlimmer Beschwerden und Schmerzen oder Rückschläge. Irgendwann akzeptiert man seine Hirnverletzung als eine unabwendbare Sache, als eine Prüfung, als eine Herausforderung für einen selbst und für Menschen, die einem nahe stehen. Möglicherweise erkennt man auch einen Sinn in seinem Schicksal: das Leid anderer wahrzunehmen und möglicherweise helfend einzugreifen, die Möglichkeiten von Menschen an der Situation teilzuhaben und an der Bewältigung mitzuhelfen. Auf diese Weise – psychisch nicht unwichtig - lernt man mit seiner Behin-derung umzugehen, sammelt Kraft und versteht vieles besser, sieht es mit anderen Augen.

In der Rehabilitationszeit wird der Betroffene selbstverständlich auch mit den Problemen seiner Mitpatienten konfrontiert. Schlimme Geschichten sind zu erfahren, wie die eines jungen Mannes, der seinem Leben ein Ende bereiten wollte, in letzter Minute gefunden wurde und besonders tragisch sich darstellte, weil bereits erhebliche Schäden im Gehirn entstanden waren. Auch das Zerbrechen von Partnerschaften, das Erleben von Gefühllosigkeiten ist an der Tagesordnung.

HEINO SCHWARZ

*) In seinem Erfahrungsbericht, der als Buch einige Jahre später mit dem Titel „Hoffnung allein genügt nicht“ chiffriert und unter dem Pseudonym Wilfried Hausmann erschienen ist, vier Auflagen erlebte, schildert er auch die Erlebnisse in „Ronnerskirchen“. Der Autor hat - wie er selbst beschreibt – sich damit freigeschrieben und ein neues Hobby für sich „entdeckt“. Insgesamt sind inzwischen 13 Bücher von ihm erschienen. Ausdrücklich bekennt sich Heino Schwarz zu seinem Buch und löst auch das Rätsel mit „Ronnerskirchen“, das in Wirklichkeit die Neurologische Klinik in Braunfels an der Lahn ist.

Das Buch "Hoffnung allein genügt nicht" finden Sie mit freundlicher Genehmigung des Autos hier

Über den BDH Bundesverband Rehabilitation

Der BDH, der große deutsche Sozialverband und Klinikträger, ist führend auf dem Gebiet der Rehabilitation von neurologischen Patienten. Der BDH bietet soziale und sozialrechtliche Beratung und professionelle Vertretung vor Behörden und den Instanzen der Sozialgerichtsbarkeit sowie ehrenamtliche soziale Betreuung an.

Der BDH hat in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Gebiet der neurologischen Rehabilitation Pionierarbeit geleistet und Einrichtungen gegründet, die bis heute Maßstäbe setzen und von allen gesetzlichen und privaten Krankenkassen, den Berufsgenossenschaften, Rentenversicherungen und Versorgungsämtern sowie der Bundesanstalt für Arbeit in Anspruch genommen werden. In der Trägerschaft des BDH befinden sich heute fünf über ganz Deutschland verteilte neurologische Kliniken in Braunfels (Hessen), Elzach (Baden-Württemberg), Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern), Hessisch  Oldendorf (Niedersachsen) und Vallendar (Rheinland-Pfalz) . Dazu kommen die BDH-Klinik Waldkirch für Chirurgie und Innere Medizin, das Rehabilitationszentrum für Jugendliche in Vallendar und das BDH-Therapiezentrum Ortenau mit Standorten in Offenburg und Gengenbach. 

Die stationäre neurologische Rehabilitation in den BDH-Kliniken nimmt einen wichtigen Stellenwert innerhalb des Leistungsangebotes des BDH ein, um Menschen nach einem Unfall oder sonstiger neurologischer und geriatrischer Krankheit Unterstützung auf dem Weg zurück ins Leben zu bieten.

 
 
 
 

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