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Soll ich mich gegen COVID-19 impfen lassen?

21.12.2020

Von Prof. Dr. med. Jens-D. Rollnik, Ärztlicher Direktor der BDH-Klinik Hessisch Oldendorf - In Anbetracht des immensen volkswirtschaftlichen Schadens sowie der in weiten Teilen der Bevölkerung verbreiteten Angst vor COVID-19 sollte man denken, dass sich fast alle Bürgerinnen und Bürger unseres Landes gegen das Virus SARS-CoV-2 impfen lassen wollen.

Soll ich mich gegen COVID-19 impfen lassen?

 Doch dem ist überraschenderweise nicht so! Nach einer Umfrage des Deutschen Ärzteblatts vom November liegt die Quote der Impfwilligen bei nur knapp 35%, optimistischere Schätzungen gehen von bis zu 50% der allgemeinen Bevölkerung aus. Das ist schlecht, denn nur wenn mehr als 70% geimpft sind, entsteht die sog. „Herdenimmunität“, d.h. ein Schutz vor weiterer Ausbreitung, auch für diejenigen, die die Krankheit noch nicht durchgemacht haben bzw. sich nicht haben impfen lassen.

Eine Ursache für diese mangelnde Bereitschaft zur Impfung könnte ein Informationsdefizit sein, das dieser Artikel gerne beseitigen möchte. Auch Impfgegner und sog. „Querdenker“ leisten über die modernen digitalen Medien einen Beitrag zur Verunsicherung vieler Menschen. Lassen Sie mich dazu als Ärztlicher Direktor einer BDH-Klinik mit 20 Beatmungsplätzen sowie als Arzt für Krankenhaushygiene einige Worte verlieren: Seit Februar dieses Jahres sind die Beschäftigten unserer Klinik wegen COVID-19 im Dauerstress. Wenn ich dann – wie am 07.11.20 geschehen – tausende irregeleitete Demonstranten, Wutbürger, Verschwörungstheoretiker und Rechtsextreme, in der Leipziger Innenstadt sehe, die sich ohne Mund-Nasen-Schutz zusammenrotten, werde ich wirklich wütend. Kann ein zumindest durchschnittlich intelligenter, aufgeklärter Mensch wirklich daran glauben, dass COVID-19 eine Erfindung autokratischer Politiker sei, um unsere Demokratie und freiheitliche Grundordnung zu beseitigen? Oder kann man – ohne an einer schizophrenen Psychose erkrankt zu sein – davon überzeugt sein, dass bei Impfungen ein Mikrochip von Bill Gates unter die Haut transplantiert wird, um uns alle zu überwachen? Ich bin davon überzeugt, dass die Politik im kommenden Jahr vor allem eine wichtige Aufgabe hat, nämlich möglichst viele Menschen umfassend zu informieren und sie zu einer Impfung gegen SARS-CoV-2 zu bewegen!

Zur Gefährlichkeit von SARS-CoV-2

Zuerst will ich die Frage beleuchten, ob SARS-CoV-2 wirklich eine gefährliche Infektionskrankheit ist. Dies wird von „Querdenkern“ oft bestritten, so dass sie nicht bereit sind, basale Hygieneregeln wie Abstandhalten und das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes zu akzeptieren. In der ersten Pandemiewelle (April 2020) haben wir an der Klinik in Hessisch Oldendorf eine Studie durchgeführt, mit der wir ermitteln wollten, wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bereits eine Infektion mit dem Virus durchgemacht hatten. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden in der renommierten Wissenschaftszeitschrift PLOS ONE veröffentlicht und zeigten, dass bereits etwa drei Prozent unserer Belegschaft Kontakt zu SARS-CoV-2 gehabt hatten. Dies sprach zum einen für eine hohe Dunkelziffer (in der Allgemeinbevölkerung lag damals der Anteil der Infizierten bei nur etwa einem Promille), zum anderen fanden wir heraus, dass zwei Drittel der Betroffenen gar keine Symptome einer Infektion erlitten hatten. Diejenigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Krankheitszeichen erlebt hatten, berichteten nur von milden Symptomen, gingen damit sogar oft weiter zur Arbeit, niemand erkrankte schwer oder ist gar verstorben!

Also alles gut? COVID-19 nur eine leichte „Grippe“, wie Präsident Trump noch im Oktober twitterte? Mitnichten! Dieser Tage erleben wir in Deutschland den Zenit der zweiten Pandemiewelle mit voller Wucht. Kurz vor Weihnachten sind in Deutschland nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) bereits mehr als 26.000 Menschen gestorben, mehrere Hundert jeden Tag! Bereits im Oktober hat das RKI in seinem „Epidemiologischen Bulletin“ eine höhere Sterblichkeit und längere Beatmungsdauer bei COVID-19 im Vergleich zu schwerer Influenza nachgewiesen, und es sterben vor allem die älteren (weil vorerkrankten) Menschen! Auch wenn jüngere Menschen oft nur leicht erkranken und ein geringes Sterberisiko haben, was die milden Verläufe bei den Beschäftigten unserer Klinik erklärt, erweist sich SARS-CoV-2 bei den alten, v.a. über 80jährigen Mitbürgerinnen und Mitbürgern als echter Killer. Bei den Hochbetagten (über 85 Jahre) stirbt etwa jeder vierte Infizierte!

Damit steht fest: SARS-CoV-2 ist für die älteren und hochbetagten Menschen in unserem Land eine ernst zu nehmende, tödliche Bedrohung! Sich auch als jüngerer Mensch an die Hygieneregeln zu halten und zur Impfung zu gehen, ist daher ein Akt der Solidarität und echte Bürgerpflicht, um die Schwachen und Kranken in unserer Gesellschaft zu schützen!

Zur Impfung gegen SARS-CoV-2

Noch kurz vor Weihnachten wurde der Impfstoff der Firmen BioNTech/Pfizer von der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA zugelassen. Damit steht der erste, sog. „mRNA“-Impfstoff zur Verfügung. Ein weiterer mRNA-Impfstoff des amerikanischen Unternehmens Moderna sowie auf anderen Wirkmechanismen basierende Mittel, z.B. von AstraZeneca aus Großbritannien, folgen. Bis Mitte 2021 werden 10-20 verschiedene Impfstoffe verfügbar sein.

Was ist ein mRNA-Impfstoff und welche Nebenwirkungen treten auf?

Die sog. „mRNA“ stellt menschlichen Zellen den Bauplan für einen harmlosen Eiweißkörper der Oberfläche des Virus („target protein“) zur Verfügung. Durch die Produktion dieses Fremdeiweißes wird das Immunsystem angeregt, Antikörper gegen den Erreger zu bilden. Durch zwei Impfungen im Abstand von drei Wochen kann eine etwa 95%ige Immunität erreicht werden. Dies bedeutet, dass der Impfstoff keinen einhundertprozentigen Schutz bietet, aber diejenigen, die trotz Impfung erkranken, haben geringere Beschwerden und ein geringeres Sterberisiko! Zunächst müssen sich auch Geimpfte leider weiter an die Hygieneregeln halten. Menschen, die die Infektion – möglicherweise unbemerkt - bereits durchgemacht haben, werden durch die Impfung übrigens nicht gefährdet!

Zu den Nebenwirkungen: Die Zulassungsstudien belegen, dass mRNA-Impfstoffe nur geringe Nebenwirkungen hervorrufen, z.B. leichte grippeähnliche Beschwerden, Schmerzen an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen und Müdigkeit. Der britische, auf einem anderen Wirkmechanismus beruhende Impfstoff („Vektor-basiert“), löste in Einzelfällen allergische Reaktionen aus. Zur vollen Wahrheit gehört der Hinweis, dass in Anbetracht der Schnelligkeit der Impfstoffentwicklung und –zulassung über Langzeit-Nebenwirkungen noch nichts bekannt sein kann. Wie bei anderen, neuen Medikamenten, muss man Nutzen gegen Risiken abwägen. Diese Bewertung fällt – ganz eindeutig – zu Gunsten einer Impfung aus. Ich werde mich auf jeden Fall impfen lassen, wenn ich an der Reihe bin!

Wie komme ich an eine Impfung?

Impfungen gegen SARS-CoV-2 werden von gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen bezahlt. Die Impfverordnung des Bundesgesundheitsministeriums sieht eine Reihenfolge der Dringlichkeit der Impfung vor. Zuerst sollen Menschen mit „höchster Priorität“ (v.a. über 80jährige, Pflegeheimbewohner und –personal, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf Intensivstationen, in Notaufnahmen und im Rettungsdienst), dann „hoher Priorität“ (z.B. Menschen über 70, Organtransplantierte, Ärzte und Pflegende mit hohem Infektionsrisiko sowie Polizeibeamte) und schließlich diejenigen mit „erhöhter Priorität“ (Menschen ab 60 und Patienten mit Vorerkrankungen wie Diabetes, schweren Lungen-, Nieren-, Leber- und Herzerkrankungen sowie Lehrerinnen und Lehrer). Erst danach soll die Allgemeinbevölkerung geimpft werden.

Für die Organisation der Impfungen und den Betrieb der Impfzentren sind die Bundesländer zuständig, so dass es – leider - keine einheitliche Regelung gibt. Je nach Bundesland kann man sich über das Internet oder telefonisch (Patientenservice-Rufnummer 116117) anmelden, z.B. in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. In anderen Bundesländern (Mecklenburg-Vorpommern, Bremen und Berlin) werden Menschen über 80 Jahre zudem auch brieflich zur Impfung eingeladen.


Zusammenfassung

COVID-19 ist für ältere, vorerkrankte Menschen eine hochgefährliche, tödliche Infektionskrankheit. Impfen lassen sollten sich aber nicht nur solche Risikopatienten, sondern alle Menschen, um eine „Herdenimmunität“ zu erreichen. Nur durch diese Herdenimmunität lässt sich eine weitere Ausbreitung von SARS-CoV-2 verhindern. Wir werden übrigens mit dem Virus künftig „leben“ müssen, denn es wird nicht vollständig auszurotten sein und es mutiert, d.h. es entstehen neue Varianten des Erregers, wie jüngst aus Großbritannien berichtet. Gott sei Dank wirken die jetzt zur Verfügung stehenden Impfstoffe auch gegen diese neue Variante des Virus, aber ähnlich wie bei der „echten“ Virusgrippe (Influenza) werden wir künftig vermutlich regelmäßig neue, angepasste, „saisonale“ Impfstoffe benötigen, um der globalen Bedrohung durch das Virus entgegentreten zu können.

Die Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 sind sicher, so dass ich allen nur aus tiefer Überzeugung zu einer Impfung raten kann!

Prof. Dr. med. Jens-D. Rollnik, Ärztlicher Direktor der BDH-Klinik Hessisch Oldendorf

Über den BDH Bundesverband Rehabilitation

Der BDH, der große deutsche Sozialverband und Klinikträger, ist führend auf dem Gebiet der Rehabilitation von neurologischen Patienten. Der BDH bietet soziale und sozialrechtliche Beratung und professionelle Vertretung vor Behörden und den Instanzen der Sozialgerichtsbarkeit sowie ehrenamtliche soziale Betreuung an.

Der BDH hat in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Gebiet der neurologischen Rehabilitation Pionierarbeit geleistet und Einrichtungen gegründet, die bis heute Maßstäbe setzen und von allen gesetzlichen und privaten Krankenkassen, den Berufsgenossenschaften, Rentenversicherungen und Versorgungsämtern sowie der Bundesanstalt für Arbeit in Anspruch genommen werden. In der Trägerschaft des BDH befinden sich heute fünf über ganz Deutschland verteilte neurologische Kliniken in Braunfels (Hessen), Elzach (Baden-Württemberg), Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern), Hessisch  Oldendorf (Niedersachsen) und Vallendar (Rheinland-Pfalz) . Dazu kommen die BDH-Klinik Waldkirch für Chirurgie und Innere Medizin, das Rehabilitationszentrum für Jugendliche in Vallendar und das BDH-Therapiezentrum Ortenau mit Standorten in Offenburg und Gengenbach. 

Die stationäre neurologische Rehabilitation in den BDH-Kliniken nimmt einen wichtigen Stellenwert innerhalb des Leistungsangebotes des BDH ein, um Menschen nach einem Unfall oder sonstiger neurologischer und geriatrischer Krankheit Unterstützung auf dem Weg zurück ins Leben zu bieten.

 
 
 
 

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